dahlemer
verlagsanstalt

Ingolf Brökel
im abraum
mit Originalholzschnitten von
Bernd Winkler


Fadengeheftete Broschur in Bleisatz
limitierte Auflage: 100 Expl.
ISBN 978-3-928832-40-3
EUR 19,- (signierter Vorzug in 20 Exemplaren EUR 30,-)




Brökels Geburtsort Sauo gibt es nicht mehr. Er liegt heute abgebaggert und begraben unter dem Lausitzring. Dass Brökel die Erinnerung an den Ort und seine Bewohner behutsam, aber ganz unsentimental wach hält, ist ein großes Plus seiner Lyrik.

Sich auf andere Weise als die Geschichtsschreiber an Gewesenes zu erinnern, ist seit je die Berufung von Dichtern von Rang.

Dorothea von Törne



Was mir an »im abraum« besonders gefallen hat , ist Brökels nüchterne Sprache; und als ich dann den Vortrag von »Grubentherme« als Video im Netz gesehen und gehört hatte, spürte ich, dass Brökel gerade durch diese Zurückgenommenheit aufblüht. Aber natürlich nicht wie eine bunte Blume, sondern eher wie ein kantiger Fels in der öde.

Neben »mit goethe« finde ich diese bewusste Reduktion des Lyrischen auf das Faktische in »sauo luftbild 1958« am gelungensten umgesetzt. Denn was an Lebendigkeit nicht in den Versen und Worten ist, das schleicht sich doch umso stärker hinein, wenn Brökel »nitzschkes ecke« erwähnt und der Offenheit eines dem Leser unbekannten Luftbildes die Offenheit einer dem Leser unbekannten Erinnerung des lyrischen Ichs hinzufügt. Ohne Sentimentalitäten vermittelt das besagte Gedicht nach meinem Dafürhalten am stärksten den Gedanke der Sammlung. – Gleichzeitig muss ich aber auch gestehen, dass »im abraum« insgesamt das in mir anspricht, wie ich mir einen gelungenen Gedichtband vorstelle, mit all der Detailliebe überall. Eine ebenfalls nüchterne Betrachtung meinerseits ist daher gar nicht möglich.

Sebastian Schmidt von
TEXTBASIS
in einer Mail an die dahlemer verlagsanstalt vom 26. Juni 2013


Rettungsversuch für Erinnerungen an die Jugend
Ingolf Brökel, im abraum
Gedichte, mit Grafiken von Bernd Winkler

Der Lyriker Ingolf Brökel hat diesen Band in Eigeninitiative zusammen mit dem Grafiker Bernd Winkel entwickelt. Glücklicherweise hat Michael Fischer, Verleger der Dahlemer Verlagsanstalt, sich auf dieses Abenteuer eingelassen.

Der Ort Sauo wurde 1971 Opfer des Braunkohletagebaus in der damaligen DDR und liegt heute unter dem Lausitzring. Mehr zu seiner Geschichte, sicher nützlich für das Verständnis des kleinen, liebevoll gestalteten und auf sehr hochwertigem Papier gedruckten Bandes, kann der, der es gerne wissen möchte, beispielhaft im Netfinder zu dieser Besprechung finden.

Ingolf Brökel wurde in Sauo geboren und hat dort auch seine Jugend verlebt. Erinnerungen sind etwas, das man gerne auffrischen können will. Wer von uns hat nicht schon einmal einen Abstecher an eine frühere Wirkungsstätte gemacht. Mit zunehmendem Lebensalter schleichen sich solche Gedanken ein, wenn man in der Nachbarschaft von Orten sich aufhält, an denen man Jahre seines Lebens verbracht hat. Ganz besonders intensiv erlebt man dieses Sehnen, in die damalige Zeit zurückzusinken, wenn dieser Lebensabschnitt ein prägender gewesen ist.

Natürlich ist man immer enttäuscht, wenn man diese Orte dann tatsächlich aufsucht. Sie haben sich verändert. Die Erinnerung selbst ist auch nichts Festes, Unveränderliches. Aber dennoch ist es beruhigend, wenn es einen solchen Ort tatsächlich noch gibt. Ich kann mich sehr gut einen Spaziergang erinnern, als mein Vater mir das großelterliche Haus in Berlin-Zehlendorf gezeigt, in dem mein Bruder und ich die ersten Lebensjahre und Monate verbrachten, bevor meine Familie in den sogenannten »Westen« übersiedelte, wie das damals viele Menschen taten. Es war diese Zeit in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Angst vor dem übergriff der Sowjetunion auf den Westen Berlins greifbar und fast körperlich spürbar war.

Mit dem Abbaggern Sauos im Jahr 1971 ist Ingolf Brökel diese erste Heimat unwiederbringlich verloren gegangen. Seine Gedichte erschaffen in ihrer Art sein Sauo, dessen er sich so versichert und es gleichzeitig in die Erinnerung zurückbringt.

im abraum (I)

eine schicht muttererde
eine schicht vaterland
eine schicht menschen

Dieser kurze Text auf S. 5 leitet den Band ein. Er schafft bereits den Adressraum, den die nachfolgenden Gedichte ausleuchten. Die verdichtete Sprache bringt auf eigenartige Weise Licht in ein Dunkel, das die Konturen völlig unsichtbar gemacht hat. Wenn ein Ort physisch nicht mehr ist, gibt es zwei Möglichkeiten, ihn zu evozieren. Da ist zum einen die nüchterne, historische Dokumentation in Text, Karten und Bild, eventuell angereichert durch Ton und Film.

Zum anderen aber ist da die menschliche Erinnerung. Beides ist nicht das Gleiche, aber durchaus als wichtige Ergänzung von einander zu begreifen. Es ist schön, dass Versuch gemacht wurde, sich poetisch an diesen einstigen Ort zu erinnern. Denn es sind nicht nur Fakten, die Geschichte, es ist besonders der Mensch, der erinnert, der Geschichte bewohnt und dessen persönlicher Bericht sie erfühlbar macht.