dahlemer
verlagsanstalt

Marius Hulpe (Hrsg.)
Privataufnahme
Junge deutschsprachige Lyrik



ISBN 978-3-928832-33-6
Klappenbroschur, 128 Seiten, € 12,-



Privataufnahme - das ist ein mögliches Medium gesammelter authentischer Gegenwart in Form von Poesie. Blinkend, träumerisch, stoisch, juvenil, angriffslustig. Hinaus aus den simplen, kopfgesteuerten Verweigerungen, aus der gähnenden Reflexion über die Ohnmacht, hinein ins persönliche Gedicht.


Gedichte von
Anke Bastrop
Crauss.
Daniela Danz
Carl-Christian Elze
Roman Graf
Alexander Gumz
Renè Hamann
Marius Hulpe
Anja Kampmann
Adrian Kasnitz
Daniel Ketteler
Björn Kuligk
Norbert Lange
Kerstin Preiwuß
Ulrike A. Sandig
Nathalie Schmid
Katharina Schultens
Florian Voß
Jan Wagner
Christoph Wenzel
Ron Winkler



So ein schönes Buch , außen und innen, so eine spielerische, unangestrengte Textauswahl. Gut, dass das persönliche Gedicht endlich wieder eine Rolle spielt! Und dieses Coverblau... Danke!
Herzlich Ulrike Almut


Marius Hulpe ist es für die dahlemer verlagsanstalt gelungen, in einer Lyrikanthologie faktisch das gesamte Whoiswho der aktuellen deutschsprachigen Lyriker zu versammeln. Wobei darunter die zu subsumieren sind, die bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad und renomierte Verlage als Qualitätsausweis haben. Verleger Michael Fischer hat, wenn man sein Verlagsprogramm im Internet ein wenig durchforstet, öfters ein solches Händchen. Mag das Verlagsprogramm des Einmannwirbelwinds auch nicht groß sein, aber es hat die eine oder andere Rosine, nein, sagen wir, den einen oder anderen Edelstein, aufzuweisen. Woraus man schließen kann, dass ein guter Verleger nicht in die Masse gehen muss, um einmal etwas überdurchschnittliches hinzubekommen.
Dieser Band ist ein solcher Edelstein. Lyriker und Lyrikerinnen wie Jan Wagner, Ulrike Sandig, Daniel Ketteler und Anke Bastrop, um nur einige der einundzwanzig gefeatureten zu nennen, ist selbst ein Kunstwerk. Alle haben sie private Lebensbetrachtungen zu den Anschnitten »ich erinnere mich an wejherowo», »privataufnahme», »kann sein, dass wir bleiben, wo wir sind» und »von nichts gewusst zu haben ehrensache» beigetragen. Abgeschmeckt wird das Ganze durch eine Hinführung des Herausgebers sowie eine recht ausführliche Biblio- und Biographie der Autor/inn/en.
Wer sich einliest, wird erfahren, dass die Qualität deutscher Lyrik durchaus beachtlich sein kann, so unterschiedlich die Stile auch immer sein mögen. Bei allen Lyriker/inn/en ist ein ausgeprägter sprachlicher und formaler Gestaltungswille erkennbar. Man kann die Texte durchaus den jeweiligen Dichtern zuordnen, ohne dass jedes Mal der Autor hätte genannt werden müssen. Daraus erlaubt sich der Rezensent den Schluss, dass hier ausgearbeitete Poetologien aufeinander treffen, die sich unterscheiden und dies auch bewusst in jeder Hinsicht wollen.
Nun muss dem Leser, wie das auch dem Kritiker widerfuhr, nicht jeder Stil und jeder Inhalt zusagen. Das ist aber auch nicht das Ziel eines solchen Bands. Vielmehr soll ein Panoptikum, ein überblick, möglicher neuer deutschsprachiger Lyrik aufgezeigt und vorgestellt werden. Das ist in jeder Hinsicht gelungen und daher aller Ehren sowie schließlich allen Lesens wert.
Es wäre wirklich sehr zu wünschen, wenn sich auch die Presse, besonders aber die Tageszeitungen, wieder dazu herablassen könnten, für die neue deutschsprachige Lyrik einen Veröffentlichungs- und Resonanzraum zu schaffen. Denn, auch wenn man es kaum glaubt, wenn man die Zeitungen liest und durch den Präsenzbuchhandel streift: Die deutsche Lyrik hat nach Goethe, Schiller, Rilke und dem völlig überschätzen Hesse nicht ihr Ende gefunden.
Dann wären auch die Auflagen solcher Bände höher, und mehr Menschen wüssten, wie deutsche Lyrik von heute sich anfühlt.

Werner Theis in:
Aspaltspuren , Ausgabe 21, Juni 2014


GEDichTE. überlegungen zum lyrischen Ich entlang dem Lyrikband Privataufnahme.

Wie ein unscheinbarer Wind durchweht die Frage nach dem lyrischen Ich, nach seiner Verwurzelung im Autor und seinen Händen hin zur Leserschaft, zu Zeiten die Artikel dieses Blogs. Sie haben darüber hier verstreut in einigen Zeilen schon gelesen; jetzt ist es an der Zeit, dem etwas wärmer hinterherzuspüren.

Privataufnahme. Junge deutschsprachige Lyrik. Herausgegeben von Marius Hulpe.

von
Sebastian Schmidt

Seit der Mainzer Minipressen-Messe 2013 steckt ein Gedichtbändchen in meinem Regal, dem ich schon lang überfällig ein paar Worte schulde, hat es sich die Erkundung des lyrischen Ichs in der modernen Lyrik doch gerade zur Herzensangelegenheit gemacht. Nicht theoretisch versucht es, das lyrische Ich zu ergründen, sondern vielmehr zeigt es die Facetten des Ich-Bezuges direkt am Text und seine Möglichkeiten für die zeitgenössische Dichtung. Die Autoren wurden um ihre »persönlichsten (und darum, so das Experiment glücken will, evidentesten) Gedichte» gebeten, herausgekommen ist eine Sammlung von intimen, gebrochenen, oft deutlichen und mehrdeutigen Texten, denen gemeinsam das Greifen in die Tiefe ist, hinunter zum empfindlichen Grund der Verbindung zwischen Autor, eigener Realität und Gedicht.

Im Vorwort schreibt Marius Hulpe, dass dem Gedicht als Ausweg oft nur noch der Rückzug ins Private übrig geblieben sei: »Tunnel graben unterhalb des Dickichts der medialen Form- und Farbenwirtschaft, in hermetischeren als den öffentlichen Räumen sein Glück zu strapazieren.» Die Reichweite der Gedichte, der Lyrik im Allgemeinen ist kürzer geworden. Das liegt nicht darin begründet, dass das Gedicht ohnmächtig wäre, aber es befindet sich selbst in einer allumschließenden Ohnmacht, in einem großen weißen Rauschen, in dem die leisen Störsignale der Lyrik ungehört verklingen. Anrennen gegen Soap-Opera, Klatschpresse und Werbung: vergeblich.

Vergeblich deswegen, weil das Gedicht es nicht schaffen will und nicht schaffen darf, seine Verse zur Message zu verdichten, die Crowd mit blöden, ausgehöhlten Phrasen zu erreichen. Damit würde es sich selbst seiner Berechtigung berauben. Allerdings: So ganz passt die Beschreibung nicht, denn bei der Rede über das Gedicht und die Poesie lohnt es mit zu erinnern, dass auch diese nicht aus Liebe und Luft entstehen. Das Gedicht, so autonom es sein mag, ist das Resultat eines künstlerischen Aktes, und dieser Akt bedarf der Agierenden, der Dichterinnen und Dichter. Wohin also in diesem Konflikt zwischen tauber Welt und gewollter Nicht-Anpassung? Wohin als Dichter, wenn der Ruf im Rauschen verebbt, wenn mehr Dezibel bedeuteten, immer dumpfer zu werden? Marius Hulpe nennt den Ausweg zurecht einen Rückzug, eine Rückbesinnung auf dasjenige hinter den Gedichten, auf das Private. Wo etwas keinen Anklang findet, da kann es klingen, wie es will, da darf, ja muss es manchmal dissonant, manchmal naiv ertönen und für Dritte sich mitunter unverständlich oder trivial geben – zumindest wenn es sich um ehrliche Verse handelt.

[…]
du sagst: mond. und ich vergleiche
die monde. ob lüdenscheider mond
ob diedenhofener mond. […]
(S. 31: Adrian Kasnitz: »september in der provinz«. Auszug)

Die größten Worte scheitern an der geringsten Menge, darum sind viele der Gedichte in diesem Band ganz nah an dem, was im Alltag passiert, sie sind die Versuche, licht das Empfinden und die Erinnerungen in Worte zu legen, sie in die horizontale Progression des Verses einzupassen. Sie sind keine Versuche, Kritik auszusparen und angepasst mitzuschwimmen, aber der Kritik wird das Allgemeine genommen, ihr wird ganz deutlich in Abrede gestellt, dass sie auf Massen mit Idealen wirken könnte, denn diese Massen erreicht das Gedicht nicht mehr. Kritik nimmt die Form von Erinnerung, die Erinnerung die Form von Versen an.

ich lehne an der wand
eingegraut ist sie wie das haus wie das viertel
ich lehne an der wand während an der kreuzung der preßluft-
hammer zuschlägt […]
(S. 64: Adrian Kasnitz. Auszug)

Nicht ohne Grund wird Adrian Kasnitz bereits zum zweiten Mal zitiert, schafft er es doch, das lyrische Ich und seinen Bezug zum Privaten auch für den Leser fassbar zu machen. Die Details, die Motivationen bleiben dem Leser freilich verborgen, das Vorkommen des Wortes »ich« ist keine Freikarte für Erklärungen, für triste Auslegungen. Allerdings ist Kasnitz« »ich« ein besonderes, denn transzendiert es einerseits die Erinnerungen des Autors in die Verse, so transzendiert es gelichzeitig ein Ich, an dem der Leser sich halten, das er in sich selbst hineinlassen kann. Was es da für dieses »ich« zu finden geben mag, sei dahingestellt. Aber das Aufnehmen des fremden Ichs in den Leser, das setzt das Leser-Ich mit lyrischen Ich in eins, da verschmilzt dann eventuell zu einem Sinn, was große, allgemeine Worte gar nicht mehr zusammenbringen können.

Gerade in den Versen, die Erinnerungen, die Privates zeigen, findet sich erst in einem zweiten Schritt der Reflexion, was allen sogenannten Weinerlichen zu oft abgesprochen wird: die Möglichkeit wieder in die Rezipienten vorzudringen, indem diese in sich selbst vorstoßen. Das passiert nicht, kann nicht ohne Zutun der Leser passieren, aber ohne das passiert im 2. Gedicht ohnehin nicht viel. Wer moderne, intime Lyrik liest wie eine Tageszeitung, wie einen Sachtext, der uns vorlügt, was Sache ist, der scheitert an der Moderne. Eröffnungsverse wie die von Katharina Schultens, in ihrer Naivität wirken sie beinahe trivial, wenn man sie lediglich überfliegt. Doch wie anders kann man sie als Leser erschließen, sie nutzen, wenn man sie als Blaupause für die eigene Vergangenheit verwendet mit den ganz anderen aber dafür ganz eigenen Erinnerungen und Bildern?

ich bin ein gnadenloses kind gewesen
zu gewissen zeiten, ich zupfte an ganz gewissen saiten
mir die finger krumm & blutig; es gab herrliche rupturen
von knoten auf den stimm- & andren bändern. […]
(S. 104: Katharina Schultens: »suppenapostel/in«. Auszug)

Anders, als nur dieses lyrische Ich als Schlüssel zu sich selbst zu nutzen, zeigen die Gedichte in Privataufnahme, dass Privates keineswegs ausschließlich an feste Worte gebunden ist, schon gar nicht an das Wort ich. Denn privat kann eine Erinnerung ebenso sein, wenn sie wie ein Bild aufscheint. Dieses Bild in seiner Neutralität für den Leser verzichtet auf den direkten Bezug zum Subjekt, es ist eine Einweg-Spiegelbrücke, die der Rezipient nicht selbst gebaut hat, an deren Anfang er nur immer sich erkennt, deren anderes Ende er aber als fremdes Bild deutlich vor sich sieht. Das lyrische Ich tritt zurück hinter die Erinnerung, die Verse bilden kein Ich mehr ab, das man in sich hineinlassen könnte. Moderne, private Lyrik ist nicht egoistisch, nicht narzisstisch, erst recht nicht ignorant allem Großen gegenüber. Sie ist notwendig rückbezogen in einem lauten Raum, in dem lautes Brüllen nur immer mehr Verstimmung hervorruft. Einerseits ist das Ich in der modernen Lyrik also ein leiser Anker, an dem man sich in sich selbst hineinziehen kann, andererseits kann die moderne Lyrik so leise sein, dass sie ganz auf diesen Ich-Anker verzichtet, kein Ich mehr auswirft, rein in der Rückschau abbildet und damit intern aufarbeitet und extern anregt.

der august mit seinem ende
sie legten sich träge in die losen rahmen der fenster
hielten die augen auf
wie um ausschau zu halten […]
(S. 56: Anja Kampmann: »ausblick«. Auszug)

Was kann in einem lauten Raum, in dem die kraftvollste Stimme nur noch Noise neben anderen ist, größere Wirkung entfalten als ein schlichtes Bild, das ablenkt von unseren Anstrengungen, doch endlich wieder richtig hören zu können, um uns daran zu erinnern, einmal wieder die Augen zu öffnen. Mögen keine vier Augen je das Gleiche sehen, aber sehen, das können gesunde Augen doch allemal. Manches Mal bedarf das öffnen dieser Augen jedoch erst den Künstler, der uns Privates, intime Momente des Sehens und der Erinnerung, von sich offenlegt, damit wir uns selbst anstupsen und uns erinnern, die Ohren zu schließen, die Augen zu öffnen und das Private in seinem Nutzen für das Allgemeine ernst zu nehmen.

Damit wir uns neu in uns selbst verorten, Zeichnungen von uns erstellen und diese ausstellen, unser Ich, unsere Bilder den anderen darbieten, damit sie zu eigenen Bildern wie wir zu uns selbst finden können. Das ist weder Emo noch Biedermeier, das ist eine Chance für alle, das kann Dichtung für alle sein, das sind die erwähnten »Tunnel […] unterhalb des Dickichts der medialen Form«, das ist ein Bild für andere von uns selbst für uns, das sind Privataufnahmen – »ein mögliches Medium gesammelter authentischer Gegenwart in Form von Poesie« (wie die Klappe der Broschur dieses fein gestalteten und editierten Bändchen es nicht treffender hätte sagen können).

Ich vergesse oft, dem Waschbecken morgens
unverzüglich zu trinken zu geben.
weil ich abgelenkt bin. […]
(S. 70: Ron Winkler: »Nofretetelle«. Auszug)

Privataufnahme enthält Gedichte folgender Autorinnen und Autoren:
Anke Bastrop, Crauss, Daniela Danz, Carl-Christian Elze, Roman Graf, Alexander Gumz, Renè Hamann, Marius Hulpe, Anja Kampmann, Adrian Kasnitz, Daniel Ketteler, Björn Kuligk, Norbert Lange, Kerstin Preiwuß, Ulrike A. Sandig, Nathalie Schmid, Katharina Schultens, Florian Voß, Jan Wagner, Christoph Wenzel, Ron Winkler


Nach dem »Lyrikboom«

Vor einiger Zeit – es waren gerade die Anthologien
Lyrik von Jetzt 2 und Neubuch erschienen – wurde auf den einschlägigen und viel gelesenen Websites und Blogs heftig gestritten. Es ging um Sinn oder Unsinn von Anthologien mit Gedichten der »jungen Generation«, der ab 1970 geborenen Nachwuchsdichter. Anfang 2009 kam eine ganze Reihe solcher Anthologien auf den Markt, ältere Autoren mokierten sich über die Hybris der Jungen, die sich natürlich heftig wehrten, man möge ihnen doch bitteschön die Aufmerksamkeit gönnen. Schließlich und endlich verebbte dieser »Sturm im Wasserglas« (Ron Winkler), dessen Winde immerhin der halben oder ganzen deutschen Lyrikszene um die Nase wehten.

»Lyrik boomt«, war zur gleichen Zeit ostentativ im deutschen Großfeuilleton zu lesen. Tatsache ist jedoch, dass noch nie so wenige Lyrikbände gekauft wurden wie zur Zeit. Zwei Protagonisten unter den Lyrikverlagen – Kookbooks und die Edition Urs Engeler – stecken schwer in der Krise. Es ist ein offenes Geheimnis, dass selbst die angesagtesten gerade unter den jungen Autoren Verkaufszahlen im zweistelligen Bereich haben, dass selbst von den Anthologien nicht viel mehr Bücher verkauft werden und man mit 200 bis 300 verkauften Lyrikbänden schon zu den Bestsellern gehört – symptomatisch ist, dass das renommierte
Jahrbuch der Lyrik 2009 nach über 25 Jahren zum letzten Mal erschien. Dass Lyrik boome, kann getrost als Feuilletongeschwätz abgetan werden. Dass noch weniger Lyrik gekauft wird als je zuvor, liegt unter anderem daran, dass sich die anspruchsvolle Lyrikkritik fast ganz ins Internet verlagert hat und Online-Anthologien wie poetenladen.de oder fixpoetry.com hunderte, ja tausende von Gedichten präsentieren.

Gänzlich untergegangen ist die schmale Anthologie
Privataufnahme. Junge deutschsprachige Lyrik , herausgegeben von Marius Hulpe. Das ist schade, denn sie gehört zu den interessanteren Gedichtsammlungen junger Autoren. »Wir baten die Autoren daher um ihre persönlichsten (und darum, so das Experiment glücken will, evidentesten) Gedichte, ihre aus ganz persönlicher Sicht mitunter wünschbarsten Texte ...«, schreibt Hulpe in seinem Vorwort.

»erinnerst du dich erinnerst dich«, beginnt gleich das erste Gedicht der Schweizer Autorin Nathalie Schmid, und sie gibt damit einen Tenor der »Privataufnahme« vor – bei sehr vielen Texten handelt es sich um Erinnerungstexte. Erinnerungen an die Kindheit, »an die schnittstelle / zwischen seele und marmorkuchen erinnere ich mich, da / wo du unter dem lampenschirm saßt«, an die guten alten Zeiten eben. Selbst Ron Winklers geniales, aber viel gedrucktes »Geweiharchiv« mit seinem ganz eigenen Witz findet sich in dieser Anthologie. Sperrig, rätselhaft und experimentell kommen viele junge Dichter normalerweise daher. Doch das Erstaunliche an dieser Sammlung ist: Es finden sich hier reichlich »verständliche«, narrative, sehr subjektive und anrührende Texte; Gedichte, die so gar nicht selbstreferentiell, sondern im Gegenteil vom sprachlichen Zeichen auf eine wie immer geartete Wirklichkeit verweisen: »hinterm bahndamm ragen die gesprengten / gestalten – schlote kühltürme – auf geneigten / photos in die gruben: fürs gedächtnis // unweit das ausgestellte förderrad / diese treibscheibe jetzt mehr klettergerüst / für uns kinder als industrie-/ denkmal« (Christoph Wenzel). Besungen wird also und nicht codiert: Der »Dreikönigstag« (Anke Bastrop), ein Augusttag (»irgendwelche wettervögel in gold«, Anja Kampmann), der »teich in omas garten« (Marius Hulpe), und Ron Winkler grüßt in einem weiteren Text »meine kleine Farm Kindheit.«

Manchen Leser junger und auch älterer Dichter beschleicht das ungute Gefühl, dass er viele Gedichte eigentlich gar nicht mehr lesen will, weil sich die Autoren doch so ähnlich sind und außerdem krampfhaft originell geben, um sich voneinander abzugrenzen. Er hat auch das Gefühl, dass im Konkurrenzkampf um die wenigen Leser und Rezensionsplätze im altehrwürdigen Feuilleton die lebenslange Arbeit am eigenen Ton kaum eine Rolle spielt und stattdessen normative Poetologien Gedichte hervorbringen. Marius Hulpes
Privataufnahme macht darin eine Ausnahme. Er hat seine jungen Kolleginnen und Kollegen dazu gebracht, jene Gedichte einzusenden, die geschrieben werden mussten, Gedichte zumeist aus dem prallen Leben gegriffen und nicht von einer Poetologie erzwungen.

Matthias Kehle
Zeitschrift für Literatur , 32. Jahrgang 2009


zur Rezension von Frank Milautzcki auf fixpoetry.com


Mögen, wie der andere geschieht – Junge deutschsprachige Lyrik in einer Anthologie von Marius Hulpe

Es geht um Räume, sehr eigene und spezielle Räume, es geht um Bewegungen darin, wie sie immer nur der sich Bewegende tun kann, wenn er etwas wie sich selbst parat hat und dieses Selbst nutzt als ein Instrument. Deswegen besitzt er sich nicht. Dafür ist das Wort da. Man kann sich viele kluge Untersuchungen sparen, wenn man bereit ist, die Lyrik als authentische Geste zu sehen, die ein Ich kunstvoll aus den in ihm wirksamen Konflikten des Lebenskontextes heraus entwickelt. Natürlich basiert das auf durch Lesen angeschwemmten Fundamenten, aber dieses Spiel ist Ausdruck von völlig individuellen Zusammenhängen und gleichzeitig Antwort an sich selbst und mehr will es nicht sein – nicht gültig für alles und jeden, nicht der große neue Entwurf, der alte Muster entwertet und künftige Muster vorgibt, sondern eine Privataufnahme. Ein Raum, der da ist und nach etwas aussieht, weil er das jeweils Private deutlich aufnimmt.

Marius Hulpe hat junge deutschsprachige Lyriker/innen eingeladen ihre persönlichsten Gedichte zu schicken, um sie zu einer besonderen Anthologie zusammenzufügen. ... »uns leuchtet kein Stern / und kein Lied kann uns locken heraus / aus den Sümpfen in denen wir still und einsam sein«... wollen, schreibt Anke Bastrup. Eher sollen. Es hat sich ja nichts bewährt, so vieles liegt demaskiert vor den eignen Füßen als Lüge und verkehrte Antwort und nun soll man sehen wohin. So viel Aufsehens hat man um den Menschen gemacht und zu was ist die Erde unter diesem Regiment verkommen, hat verkommen müssen, liegt getreten da. Jetzt ist die Zeit es sich genau anzuschauen, den Narziß aus dem Spiegel und aus dem Gedicht herauszufiltern. Man will ihn nicht mehr, den glanzvollen Sänger vom Ich, den Stern, den Star, den Blender. »Zurückgeworfen auf ein kollektivloses Subjektsein besah sich das lyrische Ich vor dem Spiegel und entdeckte seine Fehler«, schreibt Marius Hulpe in seinem Vorwort. Man muß das im richtigen Zusammenhang sehen und das wirkliche Ausmaß begreifen und schon sieht man auch den Unterschied der jungen zur alten Lyrik, begreift, warum es Sinn macht in einer Privataufnahme junge Stimmen zusammenzuführen und gemeinsam hinzustellen. Das hat mit Sicherheit nichts zu tun mit einem Buhlen um »ein Quäntchen Aufmerksamkeit im Medienbetrieb« (Andreas Heidtmann) oder »übersteigertem Geltungs- und Publikationsbedürfnis« (Matthias Kehle), sondern mit der eigenen Aufmerksamkeit für das wirkliche Quantum, mit dem Bedarf an vielleicht doch noch Geltendem (»man fragt sich was war / was das letzte wort war« Nathalie Schmid), es hat zu tun »mit den Formen des Jetzt«, wie das Ron Winkler so gut ausgedrückt hat. Was bestimmt auch als Verb gilt: dem Formen des Jetzt, das über bislang Geltendes hinaus muß. Und das betrifft nicht nur die Lyrik, die nur ein Transporter dafür ist. Es geht hier wirklich um das ganz Einfache, nicht um eine Idee und nicht um eine Religion, sondern um die unzähligen und essentiellen Fehlknoten und Irritationen, die auf das aktuelle Dasein draufgepackt sind, es geht um deren Korrektur. Wegstreichen, Bloßstellen, Nacktsein. Es geht um Daheimsein und Ankommen. Ein Ankommen, das die Welt, wie sie sich heute gebärdet, hartnäckig verweigert, weil sie überdeutlich Menschenquatsch ist, aus Fehlern geflickschusterter aufgeplusterter Fußabstreifer einer respektlosen Tierart, die sich viel zu viel raus und viel zu wichtig nimmt. Stadtaffen, singt Peter Fox. Es geht darum zu zeigen, daß die junge Poesie den Raum Welt auf eine andere, sehr subtile Weise betritt, sich ihre Subjekte anders darin bewegen (und sei es zur gleichen Musik), eine andere Bewußtheit zum Ausdruck bringt.

Folgende Autoren sind in der Anthologie mit jeweils mehreren Gedichten vertreten: Anke Bastrop, Crauss, Daniela Danz, Carl-Christian Elze, Roman Graf, Alexander Gumz, Renè Hamann, Marius Hulpe, Anja Kampmann, Adrian Kasnitz, Daniel Ketteler, Björn Kuhligk, Norbert Lange, Kerstin Preiwuss, Ulrike A. Sandig, Nathalie Schmid, Katharina Schultens, Florian Voß, Jan Wagner, Christoph Wenzel und Ron Winkler. Ich vermisse niemanden. Wenn mir jemand einen Mix schenkt, mit seinen aktuellen privaten favourites drauf, dann vermisse ich nicht, sondern versuche aus der Mixtur herauszulesen, was los ist mit dem Mixer und was er mir sagen will mit seiner Auswahl. »Entstanden ist ein Kompositum aus blitzenden Erinnerungsfetzen, sinnstiftenden Hoffnungsliedchen, schroffen Verweigerungen und sinnlichen Privataufnahmen«, schreibt Marius Hulpe. Bei mir ist angekommen, daß alle Poetiken, so unterschiedlich sie sich äußern, auf eine ganz banale Weise immer in Korrespondenz zu einander stehen. Es ist immer die selbe Sprachlosigkeit, die überwunden werden muß. Und beim Lesen eines Gedichtes entwickle ich Respekt und Freude über die Eigenart der Bewegung des Anderen, die nicht zwangsläufig so auf uns selbst hinführen muß, daß sie uns erkennbar bleibt und uns gefällt. Schließlich ist es des Anderen Bewegung. Sie erst schafft den Raum. Das Gedicht ist der Raum und geschieht. Das Gedicht eines anderen lesen und mögen heißt, mögen, wie der andere geschieht. Ich mag diese Privataufnahmen.

ULRIKE A. SANDIG

und nur unter fichten vergisst sich, was abfällt
von dir und vor allem, was bleibt. ein stapel
papier und die falsche vertraute adresse,
in der nähe spricht jemand von kunst,
ein zweiter vertritt sich die füße
woanders, es bleibt etwas über für erde + erde + zucker am tag.
wir haben uns dinge im herbst anvertraut, wir haben einander im wechsel vertan.

Originalbeitrag