dahlemer
verlagsanstalt

Rainer Schildberger
Der Einflüsterer
Roman



ISBN 978-3-928832-15-1
Paperback, 268 Seiten, € 19,-



Während im Berlin der Nachwendezeit die Karten neu gemischt und Karrieren realisiert werden, geht es für den Helden des Romans von Rainer Schildberger nicht voran: Der Musiker Matthias Mittelstätt, 33, hängt beruflich als Aushilfstaxifahrer fest. Seine Freundin ist mit einem anderen durchgebrannt - und bald wird ein Klassentreffen stattfinden...

Eine junge Schwedin steigt in seinen Wagen. Sie recherchiert für ein Drehbuch in Berlin. Schnell erliegt Matthias dem Elan dieser energiegeladenen Frau und hat noch keine Ahnung davon, wie sie sein Leben auf den Kopf stellen wird.

Nach wenigen Tagen und Nächten voller verwirrender Erlebnisse und geheimnisvoller Andeutungen ist sie plötzlich verschwunden. Matthias erinnert sich, dass sie wiederholt von Verfolgung gesprochen hatte. War der Einflüsterer - ursprünglich lediglich ein unheimlicher Anti-Held aus ihrem Drehbuch - doch mehr als nur eine Filmfigur? Die Suche nach Antworten und nach der geheimnisvollen Frau führt Matthias bis nach Schweden...

Der Einflüsterer ist ein unterhaltsamer, sensibler, höchst eigenwilliger, komplexer Text, geschrieben voller Liebe zu den dargestellten Personen. Ein Liebesroman? Ein Kriminalroman? Auf alle Fälle eine erstaunliche Erstleistung.


Leseprobe...



dahlemer verlagsanstalt Berlin
Rainer Schildberger, Der Einflüsterer

Herrlich witzig mit funkelnden Augen, verliebt in das Werk wurde uns vorgetragen. Soviel übersprudelnde Lebendigkeit und mitreissendes Erzählen, hinterliess nicht nur Spuren, sondern vermochte ein langes Nachlächeln. Danke für den Schnelldurchlauf eines Buches, das Berlin in der Nachwendezeit beleuchtet, temporeich, kriminalistisch angelegtes Spiel zwischen Träumen und Wirklichkeit.
Dies sind Auszüge aus einem lebendigen, zauberhaften, humorvollen, berührenden, augenblicklichen Tagesgeschehen am Literaturfest in Luzern. Es war ein herrlicher Verwöhngefühlstag für uns und wir bedanken uns an dieser Stelle bei all den netten und liebevollen Menschen, die wir kennen lernen durften… und bestimmt nicht zum letzten Mal sahen ;-)

aus
http://vielfarbendance.blogspot.com



Flüstertöne
von Peter Kaiser,
Luxemburger Tageblatt , Bücherbeilage Nr. 9, September 2002

»Ein Hammer der richtig in der Hand liegt, weckt positive Stimmungen«, sagte die Verkäuferin. »Anständiges Werkzeug steigert das Selbstwertgefühl.«
So beginnt der Debutroman »Der Einflüsterer« des Berliners Rainer Schildberger, der nach einigem Hin und Her nun endlich in einem kleineren Berliner Verlag erschienen ist. Gottseidank, muss man sagen, denn was zwischen den Buchdeckeln auf beinahe 270 Seiten vor dem Leser ausgebreitet wird, ist nicht mehr und nicht weniger als ein präzises und scharf beobachtetes Panorama der deutschen Hauptstadt mehr als 12 Jahre nach der Wende.
Ohne nun so große Autoren wie Tucholsky, Benn oder gar Döblin (der Autor Schildberger war übrigens mit diesem Text Döblin-Stipendiat im ehemaligen Haus von Günter Grass in Wewelsfleth) zu bemühen, ist doch zu bemerken, dass Schildberger sich sehr wohl in die Reihe derer stellt, die schon früher immer wieder Auskunft über das Atmosphärengemenge der Stadt gaben.
»Die Verkäuferin lächelte«, (heißt es in diesem Sinne weiter) »Gratis. Wann hatte ich so etwas zum letzten Mal in dieser Stadt erlebt, wo Busfahrer zu Anti-Wut-Kursen geschickt wurden und Verkäuferinnen in speziellen Schulungen Freude am Kunden trainieren...« Ja, so ist Berlin. Und zwar genauso. (Möglicherweise auch noch viel grotesker, worauf Berlin-Besucher auch ein ganz spezielles Lied singen können!)
Matthias Mittelstätt ist der Protagonist des Romans. Seines Zeichens Taxifahrer, Musiker und Liebeskranker, der von seiner Freundin Kati vor »genau fünf Monaten, zwölf Tagen und (auf Seite 12) viereinhalb Stunden« verlassen wurde.
In unangestrengten Rückblenden, die den Roman vorantreiben und nicht wie so oft verlangsamen, wird die Geschichte von Matthias und Kati erzählt, aber auch Skurriles aus dem Leben eines Taxifahrers. Irgendwann setzt sich dann die schwedische Schönheit Sabine Kathy, die in Berlin für ein Drehbuch recherchiert, ins Taxi. Nun beginnt ein verwirrendes Spiel zwischen Mittelstätt und Kathy um Filmisches und um Wahrheit, und, natürlich, um die wahre Liebe. Daneben finden Verfolgungen statt, eingebildete und echte, die Angebetete ist plötzlich spurlos verschwunden, und die Ebenen von Schein und Sein gehen ungut ineinander über. Irgendwann bricht der verzweifelte Held Mittelstätt nach Schweden auf, um seine Sabine Kathy zu suchen. Schildberger gelingt es immer wieder, die Hauptstadt der Teutonen als eine darzustellen, die jedem zwar den Raum zur freien Entfaltung belässt, die aber diesen Raum auch so weit geöffnet hat, dass die absurdesten Dinge darin geschehen können. Sätze wie »Hier könnte Ihr Traumhaus stehen«, behauptete das Schild in einem verwilderten Garten«, sind bezeichnend dafür. Da hat einer mal genau hingesehen, notiert und die unzähligen Bruchstücke, Momentaufnehmen zu einem Bild, vielleicht auch zu einer Art prosaische Film zusammengefasst.
Nur wenige haben das bisher so geschafft, und auch wenn hier und da der Text allzu breit wird, der Ich-Erzähler ins Schwadronieren ausrutschte, so ist doch an vielen Stellen der literarische Schnappschuss geglückt und pointiert in Szene gesetzt.
Der »Einflüsterer«, heisst es im Klappentext ist ein temporeiches, kriminalistisch angelegtes Spiel zwischen Träumen und Wirklichkeiten. Das entspricht (endlich einmal) auch dem, was im Buch steht. Und dass der Autor eine neue Berliner Stimme ist (in der Werbung für das Buch so angekündigt), dem kann man sich nur anschliessen.


Nachwende: Viele spinnen in Rainer Schildbergers »Der Einflüsterer«
von Rainer Stolz,
tip 17/2002

In seinem Debütroman »Der Einflüsterer« stellt der Berliner Rainer Schildberger, den manche als Autor von Features und Hörspielen kennen dürften, einen Typen vor, der ziemlich herumeiert, festhängt, nicht loskommt: von zurückgelassenem Krempel der Ex-Freundin, vorbeigebrachten Kohlrouladen der Mutter und Verlegenheitsjobs als Keyboardlehrer und Taxifahrer.

»Über so einen kann man locker und lustig erzählen, jedenfalls kann dieser Autor das, aber damit mehr daraus wird als eine Loser-Studie, muss dem Protagonisten noch etwas Eimschneidendes passieren: »Plötzlich trat der unsichtbare Cocktailmixer auf den Plan, kippte in den Bulgaren und den Zedernduft einen Schuß Lonesome Cabdriver, drei Spritzer Frühlingsnacht und reichlich »Jetzt oder nie«, schüttelte alles kräftig durch und goss mir das Zeug in die Birne.« Der Bulgare ist ein nachwirkender Rotwein, den ihm zuvor ein Fahrgast, ein weißbärtiger Ikonenmaler, spendiert hat. Dieser überließ ihm ein Bild des heiligen Georg als Drachentöter – ein Glücksbringer? Den Zedernduft verströmte die junge Schwedin in seinem Taxi, Drehbuchautorin, wie sie erzählt. Schon sitzen beide in einem Film, einem ziemlich verrückten Film, die Musik läuft, und irgendwer flüstert von Zeit zu Zeit Regieanweisungen.

Die Schwedin führt ihm Kostüme vor, sucht neben Drehorten ihren Vater, küsst ein Kind, das zufällig vorbeikommt – und bietet ihm an, mitzuspielen. Sie nennt ihn Ernst, obwohl er sich als Martin vorgestellt hat und in Wirklichkeit Matthias heißt. Zwischen Traum, Tagtraum, Fantasie und dem, was es sonst noch gibt, zu unterscheiden, ist ebensowenig seine Stärke. Da werden bodenständige Leser schon mal den Kopf schütteln, andere aber lassen sich sicher gerne mit verwirren.

Als Matthias schließlich auf den Höhepunkt seiner Sehnsucht zugesteuert wird, erreicht das Verhältnis der beiden seinen Tief- und der Plot seinen Wendepunkt. Hier findet sich eine grandios ernüchternde Schilderung eines Liebesaktes: » Blindes Zucken. Blödes Bohren. Sabine die einsilbige, obszöne Ausgabe einer Audrey-Hepburn-Sprechpuppe. Ich der purpurrote Saftautomat kurz vor der Ausgabe. »Bald darauf ist sie verschwunden. Er reist nach Schweden, sucht sie.
Die Geschichte, auf langen Strecken ein Feuerwerk aus witzigen Episoden, pointierten Dialogen und absonderlichen Metaphern, konzentriert sich nun auf den dunklen Hintergrund. Der Ton bleibt locker, auch wird noch ein bißchen (viel) über schwedische Biederkeit gewitzelt, aber den grundsätzlichen Fragen des Buches wird jetzt, ohne daß die geschickte Art des Erzählens darunter leidet, direkter nachgegangen. Zum Beispiel: Wie verrückt muss jemand sein, um seine Träume zu verfolgen? Wie verrückt darf jemand sein, um sie womöglich noch zu verwirklichen? Oder auf das Loser-Thema bezogen: Sind Loser nicht diejenigen, die fein angezogen zu einem Klassentreffen kommen und nachher auf den Teppich kotzen?


Matthias Mittelstätt kann nicht zählen
von Ulrich Schmidt,
Bielefelder Kulturbote

Matthias Mittelstätt kann nicht zählen. Er stellt sich mit seinem Namen vor und sagt: »Ja. Sieben Ts.« Wo sich das siebte »T« versteckt, verrät er freilich nicht. Kann er auch nicht. Denn M.M. befindet sich im Ausnahmezustand. Seit, er weiß es genau: »Fünf Monate(n), zwölf Tage(n) und viereinhalb Stunden«. Genau so lange ist er von Kati getrennt, mit der er immerhin neun Jahre zusammen war, mit der er, so hatte er es sich gedacht, für’s Leben planen wollte. Aber da kam der »blondtoupierte, goldbraun geröstete Engel, der Liebhaber in Cowboystiefeln« dazwischen. Den fand Kati attraktiver. Und zog schließlich mit ihm aus aus der gemeinsamen Wohnung. Unter Hinterlassung fast ihrer gesamten Habe. Und M.M. hatte sich endlich aufgerafft zur Renovierung, eher aufraffen lassen von Frank, seinem neuen Mitbewohner. Und deshalb gibt M.M. viel Geld für Werkzeug aus. Weil die Verkäuferin ihn überzeugt. Er ist verwirrt, denn die Verkäuferin gibt ihm sogar ihre Telefonnummer. Er aber sagt nur seinen Namen.

Rainer Schildbergers Roman der »Der Einflüsterer« beginnt damit, dass sein Protagonist versucht, seinen persönlichen Gau zu bewältigen. Das ist mit gewaltigen Schwierigkeiten verbunden, denn: »Ich hatte schließlich für’s ganze Leben geplant«. Allmählich gelingt es dem neuen Mitbewohner Frank, M.M. via Renovierung und gemeinsamer Arbeit in einer Band ins reale Leben zurückzuholen. Doch das reale Leben drängt sich sowieso mit einer gewissen Unerbittlichkeit immer wieder in M.M.s Leben: mit seinem Jobs als Taxifahrer und als Keyboardlehrer an der Musikschule Tempelhof (»Die C-Dur-Hölle«). Denn von irgendwas muss auch ein Verweigerer für das Lehramt an Schulen leben.

Aus diesen Versatzstücken - persönlicher Gau, Renovierung, Taxifahren, C-Dur-Hölle - entwickelt Rainer Schildberger ein Panorama aus dem Berlin der Nachwendezeit. Aus der Sicht hinter dem Lenkrad sieht man die Stadt anders als aus der Vogelperspektive der großen Politik. Aber sie spielt mit. Und der Autor versteht sich darauf, die Verstörung West-Berlins nach dem Fall der Mauer zu schildern. Wie der reiche, wohlhabende, behäbige Westen aufgemischt wird. Etwa so wie M.M. Doch während nach dem Fall der Mauer etwas zusammenwachsen soll, was angeblich zusammen gehört, muss M.M. sein Leben neu sortieren, ohne dass da was zusammen wächst - zunächst einmal.

Mit der wohltuenden ironischen Distanz des Ich-Erzählers M.M. verfolgt der Leser dessen Leben. Als Taxifahrer erlebt er so manchen Zechpreller, lernt den »wilden« Osten Berlins schon am Straßenbelag kennen, als Keyboardlehrer schlägt ihm die C-Dur-Hölle Tempelhofs arg aufs Gemüt, als Heimwerker lernt er den Umgang mit Gips und Farbe.

Bis ihm eines Tages eine Frau als Fahrgast in das Taxi schneit, die sein Leben total umkrempelt. Zeigte sich bis dato das Leben schon nicht gerade als Sackgasse, so wird daraus nun ein ziemlich wilder Fluß. Gerade noch hatte er von einem verarmten Ikonenmaler als Gegenleistung für die Fahrt ein Bild erhalten, was freilich mit etlichen Gläsern Rotwein begossen worden war, da setzt sich eine Frau in sein Taxi, bei der ihm sämtliche Sicherungen durchbrennen. Sie ist angeblich Regisseurin, Drehbuchautorin, Produzentin - alles in einer Person. Und noch mehr. Denn sie schreibt für sich die Rollen ins Drehbuch. Und weil ihr nächster Film auch in Berlin spielen soll, sucht sie mit ihm Orte auf, die für einen Dreh in Frage kommen können. Es sind schräge Orte, bzw. sie sollen möglichst schräg sein, damit sie eine gewisse Atmosphäre wiedergeben. Einer z.B. soll das Le-Corbusier-Haus sein.

Doch das erfährt der Leser viel später. Erst einmal fährt M.M. Sabine Kathy (!), so heißt die Schwedin, nach Hause, bzw. dorthin, wo sie wohnt. Es ist im Niemandsland zwischen West- und Ost-Berlin. Noch während dieser ersten Fahrt nähern sich die beiden einander soweit, dass er mit ihr geht und sich von ihr die halbe Nacht Geschichten erzählen läßt. Geschichten, die sich um ihr Filmprojekt drehen. Dabei hatte M.M. anderes im Sinn... Es geht ziemlich turbulent zu, und so kommt, was kommen muss: eines Tages ist Sabine nicht mehr da. Doch M.M. spürt ihr nach, redet mit den Leuten, zu denen sie Kontakt hatte und weiß, was er zu tun hat: eines Tages macht er sich auf den Weg nach Schweden. Nach Lund. Wieder das gleiche Spiel: wer kennt Sabine Kathy? Wo kann sie sein?

Er findet sie. Happy end? Wird nicht verraten. Am Tag der Währungsunion DDR/BRD kommt er zurück nach Berlin. Sein Leben hat sich verändert. Eine Menge von Ideen, die er gemeinsam mit Sabine entwickelt hat, beherrschen fortan sein Leben. Aber von seiner wohltuenden ironischen Distanz dem Leben gegenüber läßt er nicht.
Rainer Schildberger hat mit Ausschnitten aus dem Leben seines Protagonisten M.M. zugleich ein Stück Berlin der Nachwendezeit lebendig und nachvollziehbar geschildert. Das hat über weite Strecken etwas von einem Krimi, in dem Geheimnisvolles enträtselt werden muss. Eine der Stärken dieses Romans ist der souveräne Umgang mit Orten und Handlung, eine andere der Umgang mit Spannungsbögen und nicht zuletzt die Sympathie, die er all seine Figuren, so unangenehm sie auch erscheinen mögen, entgegenbringt. Ein absolut lesenswertes Buch.


Eine Suche im Berlin der Nachwendezeit
von Silke Böttcher,
Berliner Morgenpost vom 21.8.2002

Es ist diese Zeit, in der alle von Aufbruch sprechen. In der es in Berlin noch Niemandsland gibt, irgendwo dort, wo kurz vorher noch die Mauer stand. Genau dorthin soll der Musiker und frustrierte Aushilfs-Taxifahrer Matthias Mittelstätt eine junge Schwedin bringen, die sich Sabine Kathy nennt und seinen Adrenalinspiegel ziemlich in Aufruhr bringt. Sie haust in einer heruntergekommenen Laube zwischen Spandau und Nirgendwo, erzählt von Drehbüchern, die sie schreibt, und Orten, die sie für ihren Film sucht. Und vom Einflüsterer, der immer dann in der Geschichte auftaucht, wenn etwas Sinnloses oder Schlimmes passiert - der Antiheld und guter Onkel gleichzeitig ist. Schnell wird Matthias Mittelstätt klar, dass hinter ihrer Suche mehr steckt als das Forschen nach Drehorten. Dass sie gleichzeitig auf der Flucht ist. Dass sie ein Geheimnis hat, das er nicht ergründen kann. Dass er sich auf ein Spiel eingelassen hat, das er nicht versteht. Denn plötzlich ist sie verschwunden, nachdem sie sich ihm in einer Nacht hingegeben hat. Ihre Kleider, ihr Drehbuch - verbrannt. Mittelstätt macht sich auf die Suche nach der seltsamen Frau.

Es ist ein verwirrender Roman, den der Berliner Autor Rainer Schildberger geschrieben hat. Wie eine Liebesgeschichte liest er sich, dann wieder wie ein Krimi. Genau beobachtet der Autor die Mimik seiner Figuren, fängt ihre Gefühle und ihre Bewegungen ein. Schildert aus der Sicht Mittelstätts temporeich und detailliert die Orte der Suche im Nachwende-Berlin - vom Lokal an der Bergmannstraße über die düstere Stimmung des Corbusierhauses bis zur Datsche im Niemandsland, in dem Mensch wie Umgebung Misstrauen ausströmen.

In eigenwilligem Stil beschreibt Schildberger in seinem Erstlingsroman die Hilflosigkeit seines Helden, der doch so gerne cool wirken will, seinen verzweifelten Versuch, das Geschehen zu begreifen. Und seine Hoffnung, die Frau zu finden, die ihm vertraut, und doch fremd geblieben ist.


Aus einem Brief von Clara Manser (Rom)
an M. Fischer

Ich habe gerade den ›Einflüsterer‹ gelesen und bin ganz hin und hergerissen. Ich muss das Buch unbedingt nochmals lesen, um genauer zu wissen ›wie es gestrickt ist‹. Das freut das Semiotikerherz!

Dieser Rainer Schildberger scheint ja ein überaus umtriebiger und produktiver Typ zu sein. Offensichtlich veranstaltet er u.a. auch Kurse (in Marburg) zum ›spielend Schreiben‹. Könntest Du nicht ein Buch der kleineren Werke von ihm herausbringen? ›Von Wilmersdorf nach Aventurien‹ oder diese Sache über das Mönchskloster in der Eifel (die Eifel muss in ihm doch ein paar Eindrücke hinterlassen haben), das hört sich alles recht vielversprechend an.

Gibt es so etwas wie historisch spezifische Berliner Archetypen? Offensichtlich, und in dem Buch auch virtuos verwendet. Woher käme sonst dieser ›Wiedererkennungseffekt‹, der einen sofort an authentische Personen (bis ins Detail) der eigenen Biographie denken lässt, gekoppelt mit dem gleichen literarischen Trick, der mich schon an Mark Henshaws ›Out of the line of fire‹ so fasziniert hat (die Transposition einer dreidimensonalen Realität in die zweidimensionale der schriftsprachlichen Darstellung mithilfe eines an Escher erinnernden Täuschungsmanövers. Nicht umsonst bin ich seinerzeit so auf das Buch von Douglas R. Hofstaedter ›Gödel, Escher, Bach‹ abgefahren...). Die Blätter eines guten Romans müssen rauschen wie die Blätter eines Waldes - oder so ähnlich. Nun, der gute Flaubert wäre von Herrn Schildberger sicherlich sehr angetan gewesen.


Die Stimme über Berlin
Rainer Schildbergers erster Roman »Der Einflüsterer« belohnt langen Leseatem
von Tanja Kasischke im
Literatour-Express der Universität Karlsruhe

Selbstfindungsromane über Junggesellen im 30. Lebensjahr stellen beinahe schon ein eigenes Genre, das sich durchaus erfolgreich behauptet. Ein Kapitel Herr Lehmann und ein Hauch von High Fidelity sind auch Rainer Schildbergers Debüt Der Einflüsterer nicht abzusprechen. Schildbergers Anti-Held ist desillusionierter Musiker, der nach Trennung von der langjährigen Liebe sein Leben zu ordnen sucht - was nicht klappt, ihn aber deswegen so menschlich wirken lässt. Seine innere Läuterung spielt sich unter den bewährten Augen der Großstadt ab, also in Berlin.

Matthias Mittelstätt ist durchschnittlich begabter Keyboarder und wirkt durchschnittlich anziehend, gerät aber überdurchschnittlich oft an schwierige Frauen. Schon sitzt die nächste auf dem Beifahrersitz des Taxis, mit dem er seinen Lebensunterhalt verdient: Sabine Kathy, Schwedin, Drehbuchautorin, Traumfrau. Zusammen streifen sie durch das nächtliche Berlin, sinnieren über ein Filmmanuskript, schütteln Schatten ab. Matthias schöpft Hoffnung, endlich am Beginn seiner Zukunft zu sein. »Jetzt weiß ich es«, rief Sabine. Sie zeigte mit dem Finger in die Luft, als habe sie ein Geräusch gehört und wolle zum Hinhören mahnen. »Du kannst nicht lügen. Du hilfst mir beim Drehbuch. Seit du aufgetaucht bist, hat es sich schon verändert.« (...) Das war doch mal etwas anderes als das übliche zwischen Mann und Frau.

Euphorisch bietet Matthias an, die Rolle des Einflüsterers zu spielen, einer zur Stimme reduzierten Figur, die der Film-Protagonistin nachstellt. »Ich stelle mir einen blinden Pianisten vor. Blind ist er aber nur zum Schein. Er ist immer da, wo sie ist, taucht in immer neuen Verkleidungen auf. (...) Für die anderen unsichtbar. (...) Seine Befehle sollen wie Wünsche klingen. Zum Beispiel so: Vergiss’ deinen Vater. Ich bin dein Vater.«

In der ersten Hälfte plätschert der Roman in lyrischen Bildern und schematischen Alltagssituationen vor der Kulisse Berlins voran und endet schließlich damit, dass Sabine und Matthias miteinander schlafen und sie tags darauf verschwindet.

Endlich geht ein Ruck durch das Geschehen, Matthias wacht auf und reist nach Schweden. Zu ihr. Er findet Sabine, die eigentlich Kim heißt, in einer Nervenklinik. Schizophrenie macht sie zu ihrer eigenen Protagonistin, leidenschaftlich bemüht den Vater zu finden, dessen Stimme sie nicht aus dem Kopf kriegt. Das Drehbuch verwandelt sich in Realität, und wie Matthias ist der Leser plötzlich in der Lage, Szenen zu deuten und Aussagen mit Sinn zu füllen.

Schildbergers Held muss einsehen, dass seine »Realität« eingebildet war, und er muss sich von seiner Traumfrau lösen. Er begreift, dass seine Liebe nicht Sabine/Kim galt, sondern den Träumen und Hirngespinsten, für die sie stand. Die Mutter der Geliebten appelliert: »Und wenn ich ihnen einen Rat geben darf, junger Mann, finden sie Ihre eigene Welt.« Interessanterweise lässt Rainer Schildberger seinen Roman damit nicht enden, er fährt fort mit der geglückten Reifung seines Helden, der verstanden hat, was Leben bedeutet und was Wahn. Hierin unterscheidet sich Der Einflüsterer von anderen Selbstfindungsromanen, der Berliner Autor begleitet seinen Protagonisten über die reine Selbsterkenntnis hinaus. Obgleich sein »Blick zurück« pompös inszeniert wird: Matthias darf sich nämlich mit der Erinnerung an den Einflüsterer versöhnen und eine Liebeserklärung für Sabine an die überreste der Berliner Mauer sprayen.

Rainer Schildbergers Debüt lohnt die wiederholte Lektüre, obgleich sie von der Kenntnis ihrer Wendung ein wenig entzaubert werden dürfte. Dafür darf der Leser Berlin entdecken und vermag vielleicht zu ergänzen, dass John F. Kennedy bei seiner Rede im Juni 1963 nicht auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses stand - sondern auf einem Podest davor.